Quo vadis, Ingress? Kindesentführung, Missbrauch und die Polizei
Juni 17, 2013 in News
In der Google+ Community Ingress Gemeinschaft Deutschland tauchte gestern ein fast zu erwartender Beitrag auf. Es geht um Kindesentführung, Missbrauch, natürlich um Ingress und um die Fahndung nach einem Spieler. Aber der Reihe nach.
Wir Ingress Spieler haben ja – solange wir nicht aufs Display schauen – immer offene Augen für neue Portale. So auch ein Spieler aus Lohmar (nähe Siegburg bzw. Bonn). Dieser reichte letzte Woche eine Kindertagesstätte als Portal ein. Das bemerkten aufmerksame Eltern, interpretierten es falsch und haben daraufhin die Polizei kontaktiert. Warum der Spieler nicht direkt an Ort und Stelle angesprochen (oder festgehalten) wurde bleibt fraglich. Auf jeden Fall begann die Polizei damit eine Fahndung fertigzustellen wegen dem Verdacht auf Kindesentführung, Missbrauch und wohl anderen damit zusammenhängenden Straftaten – Plakate und Flyer wurden immerhin noch nicht gedruckt. Die Polizei hat am Samstag den verdächtigen Spieler angetroffen und zur Rede gestellt. Nach einer kostenlosen Demonstration und Erklärung von Ingress wurde die Fahndung eingestellt und der Fall als erledigt angesehen. So liest sich jedenfalls der Eintrag auf Google+.
Als Tipp schreibt der betroffene Spieler, dass bei Portalen an kritischen Orten (Kindergarten, Grundschule,…) zuvor die Erlaubnis der Leitung und ggf. der Eltern eingeholt werden sollte. Er selbst will jedenfalls diese Möglichkeit nutzen und ansonsten das Portal als unangemessen melden.
In den Kommentaren zu diesem Beitrag geht es teils sehr kontrovers zu und es wird – wie in fast jeder Ingress Community üblich – über die nicht vorhandenen Regeln bezüglich Portalstandorten diskutiert; also über Friedhöfe, Kindertagesstätten, Kindergärten, Grundschulen,… Das offizielle Regelwerk beinhaltet kaum Hinweise zu solch kritischen Standorten bzw. werden die Regeln seitens Niantic Labs selbst nicht eingehalten. Es heißt, dass Portale an Krankenhäusern oder Brücken nicht angenommen werden, des Weiteren auch keine Portale mit Menschen auf dem Portalbild. Also wozu dann die Diskussion über Regeln: Weder die Entwickler von Niantic Labs halten die eigenen Regeln ein noch können wir (regionale) Regeln oder Absprachen durchsetzen, denn wer schon einmal ein Portal als unangemessen gemeldet hat, weiß, dass es lange dauern kann bis etwas passiert – falls überhaupt etwas passiert. Und nicht vergessen: Auslöser für den oben beschriebenen Vorfall war ein Portalvorschlag und nicht ein Portal, das ständig von Spielern besucht wird. Foglich einige Gedanken zur Zukunft von Ingress anlässlich der vielen Diskussionen:
Wirft man einen Blick auf Geocaching (geocaching.com) stellt man schnell fest, dass es dort schon lange immer wieder Probleme gibt. Da wird hin und wieder ein Geocache vom Bombenräumkommando entschäft – immerhin kann das bei Ingress nicht passieren. Ansonsten werden neue Geocaches von Freiwilligen anhand eines umfassenden Regelwerks begutachtet und ggf. freigeschalten. Zwar unterscheiden sich Geocaching und Ingress in vielen Punkten, aber das Regelwerk gibt auch vieles her, was für Ingress nicht uninteressant ist. Denn es haftet der Besitzer eines Geocaches für alle Folgen und nicht die Betreiber von geocaching.com dank einer Haftungsausschlusserklärung in den Nutzungsbedingungen – sowas gibt es bei Ingress übrigens auch.
Ein Auszug einiger Geocaching Regeln:
- Gesetze und dokumentierte Regelungen sind zu beachten
- Man muss sich die Erlaubnis eines Grundstücksbesitzers oder einer Verwaltung bei öffentlichen Standorten einholen
- Orte, an denen ein hohes Menschenaufkommen problematisch sein kann, sind nicht erlaubt. Dazu gehören Friedhöfe, archäologische Ausgrabungsstätten oder historische Stätten. Liegt eine entsprechende Genehmigung vor können Ausnahmen gemacht werden
- Nähe zur öffentlichen Infrastruktur problematisch: Autobahnbrücken, Dämme, Regierungsgebäude, Militärbasen, Schulen, Krankenhäuser, Flughäfen und weitere ähnlich sensible Orte
- Caches müssen mindestens 0,10 Meilen bzw. 161 Meter voneinander entfernt liegen
- Es müssen genaue GPS-Koordinaten sein
Das kann und sollte man meiner Meinung nach direkt für Ingress übernehmen. Zwar ist bei Ingress fast alles “virtuell”, aber ohne zu cheaten muss man schon selbst vor Ort sein und ob diese Virtualität im Zweifelsfall ein Gericht auch so sehen will sei dahingestellt. Beim Geocaching ist v.a. der Kontakt mit Reviewern bei der Erstellung sowie bei Problemen ein Bonus, den Ingress nicht hat. Freiwillige, teils direkt auch ortskundige, Reviewer erarbeiten soweit möglich gemeinsam mit den Spielern eine Lösung aufgrund klarer Regeln (Unstimmigkeiten gibt es natürlich auch). Solange irgendwo in den USA Mitarbeiter von Niantic Labs, die anscheinend weder Google Maps geschweige denn Street View bedienen können, Portale nach Gutdünken freischalten, wird es auch bei Ingress immer häufiger zu Problemen kommen und den Nutzungsbedingungen entsprechend ist dann jeder Spieler für sein Handeln und für seine Portale selbst verantwortlich. Umso mehr Ingress spielen, umso größer wird auch das Problem. Was fehlt ist ein transparentes Regelwerk, das von den Entwicklern und Spielern eingehalten wird, die Möglichkeit Probleme leicht melden zu können und ein schnelles Handeln und Sanktionieren, des Weiteren eine viel bessere Kommunikation. Denn in jedem Bundesland und in jeder Gemeinde gelten teils unterschiedliche Regeln und Gesetze und am Ende haben dann Menschen, die nur spielen wollten, Stress und im ungünstigsten Fall Kosten und rechtliche Probleme. Teiweise haben sogar einzelne Friedhöfe in derselben Stadt unterschiedliche Regelungen, die zu beachten sind und das umgangssprachlich “postmortale Persönlichkeitsrecht” kann wiederum von Angehörigen aufgehoben werden. Ein Großteil der Geocacher weiß, dass außenstehende das Hobby nicht unbedingt auf Anhieb kapieren. Denselben Leuten Ingress zu erklären dürfte noch eine Stufe schwieriger sein.
Ein tolles Zita zum Schluss: “When you go to hide a geocache, think of the reason you are bringing people to that spot. If the only reason is for the geocache, then find a better spot.”






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